Energiewende: Milliarden sparen

Kurswechsel bei der Energiewende soll Milliarden sparen
Eine effizientere Energiewende könnte den Investitionsbedarf bis 2035 um 370 Milliarden Euro reduzieren, so eine Analyse des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Boston Consulting Group (BCG). Laut BDI sind die Kosten des deutschen Stromsystems seit 2010 um 70 % gestiegen, während die Strom- und Gaspreise deutlich über denen internationaler Wettbewerber liegen. Durch eine optimierte Planung könnten die Stromkosten für Industrie und private Verbraucher um rund 20 % sinken, ohne die Klimaziele zu gefährden.
BDI-Vizechef Holger Lösch betont, dass hohe Energiekosten schon vor der Energiekrise 2022 ein großes Problem für deutsche Unternehmen waren. Die aktuellen Planungen seien zu ambitioniert und teuer, weshalb sie an die tatsächlichen Nachfrage- und Kostenentwicklungen angepasst werden müssten. Auch BCG-Partner Jens Burchardt sieht kein Widerspruch zwischen Klimaschutz und Kostensenkung: Mit besserer Koordination könne die Energiewende günstiger und effizienter gestaltet werden.
Dekarbonisierung und Stromnachfrage
Der steigende Strombedarf ist eine direkte Folge der CO₂-Reduktionsziele. Fossile Brennstoffe sollen durch Strom ersetzt werden: E-Autos sollen Verbrenner ersetzen, elektrische Wärmepumpen Gaskessel ablösen, und energieintensive Industrien sollen verstärkt auf grünen Wasserstoff setzen. Doch der Dekarbonisierungsprozess verläuft langsamer als geplant.
BDI und BCG bezweifeln, dass die politischen Ziele realistisch sind – etwa 15 Millionen E-Autos, sechs Millionen Wärmepumpen und Elektrolysekapazitäten von zehn Gigawatt bis 2030. Eine Studie von McKinsey kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Der Strombedarf werde zwar steigen, aber nicht so stark wie von der Bundesregierung angenommen. Deshalb müsse sich der Ausbau der erneuerbaren Energien und Stromnetze stärker am tatsächlichen Bedarf orientieren, um unnötige Kosten zu vermeiden.
Auch der Netzbetreiber Amprion geht davon aus, dass sich durch eine bedarfsgerechtere Planung in den nächsten zehn Jahren rund 92 Milliarden Euro beim Stromnetzausbau einsparen lassen. Zudem sei es wichtig, Planungs- und Genehmigungsverfahren flexibler zu gestalten, um langfristige Investitionen gezielter steuern zu können.
20 Maßnahmen für eine bezahlbare Energiewende
BDI und BCG fordern, die Energiewende effizienter zu gestalten. Eine zentrale Maßnahme sei die Anpassung der Planung an die tatsächliche Entwicklung des Stromverbrauchs. Die derzeit geplanten Investitionen in erneuerbare Energien, Netze und Wasserstoff seien überdimensioniert und belasteten Verbraucher unnötig. Besonders der Netzausbau müsse bedarfsgerechter erfolgen, da steigende Nachfrage nach Kabeln und Trafos die Preise unnötig in die Höhe treibe.
Zudem müsse die erneuerbare Stromerzeugung besser in das bestehende System integriert werden. Der schnelle Ausbau von Wind- und Solarenergie führe immer häufiger zu Netzüberlastungen, weil der Strom nicht effizient genutzt werden kann. Eine gezieltere Steuerung könne helfen, diese Probleme zu vermeiden.
Auch beim Thema Wasserstoff sehen BDI und BCG erhebliches Einsparpotenzial. Grüner Wasserstoff aus Deutschland werde voraussichtlich deutlich teurer sein als ursprünglich angenommen. Deshalb müsse stärker auf Importe, blauen Wasserstoff oder Bioenergie gesetzt werden. Der Thinktank Epico teilt diese Einschätzung und empfiehlt eine technologieoffene Förderung, die sich an der tatsächlichen Treibhausgasreduktion orientiert.
Kritische Rolle von Wasserstoffkraftwerken
Besonders kritisch bewerten BDI und BCG die Pläne, Back-up-Kraftwerke verpflichtend auf grünen Wasserstoff umzustellen. Diese Kraftwerke sollen einspringen, wenn erneuerbare Energien nicht genügend Strom liefern. Zwar würden sie insgesamt weniger als 10 % des Stroms erzeugen, aber für über 30 % der gesamten Erzeugungskosten verantwortlich sein, wenn sie mit teurem grünem Wasserstoff betrieben werden.
Ursprünglich sah der Entwurf des Kraftwerkssicherheitsgesetzes der Ampelkoalition vor, diese Kraftwerke zunächst mit Erdgas zu betreiben und später auf Wasserstoff umzustellen. Doch nach dem Scheitern der Koalition bleibt offen, wie die neue Bundesregierung das Thema angehen wird. Eine wirtschaftlich tragfähige Lösung für die Absicherung der Stromversorgung bleibt eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende.
Quelle: Handelsblatt