Norwegen als Vorbild für Deutschland?
Norwegen zeigt, wie es anders geht – aber zeigt Norwegen auch, wie es in Deutschland geht?
Ein „Standpunkt“ in den Schaumburger Nachrichten vom 25. September 2026 sorgt für Diskussionen. Unter der Überschrift „Norwegen zeigt, wie es anders geht“ verweist der Energieexperte und Stadt- und Regionalplaner Dr. Holger Krawinkel auf den außergewöhnlich hohen Anteil von Elektroautos bei den norwegischen Neuzulassungen. Deutschland, so seine Kritik, habe die Elektrifizierung dagegen durch Debatten über Verbrennungsmotoren, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe ausgebremst.
Ein Leserbrief von Erich Ostermeier vom 2. Oktober widerspricht und verweist auf die völlig anderen Voraussetzungen Norwegens: Wasserkraft, große Öl- und Gasvorkommen und einen außergewöhnlichen finanziellen Spielraum.
Beide Beiträge sprechen wichtige Aspekte an. Die eigentlich interessante Frage geht jedoch weiter: Was lässt sich aus Norwegen tatsächlich auf Deutschland übertragen – und was nicht?
98,7 Prozent Elektroautos – eine beeindruckende Zahl
Krawinkels Ausgangspunkt ist richtig. Im August 2026 waren 98,7 Prozent der neu zugelassenen Pkw in Norwegen reine Elektroautos. Nach Angaben des norwegischen Straßenverkehrsverbandes OFV war dies ein neuer Rekord. Der norwegische Neuwagenmarkt ist damit praktisch vollständig elektrifiziert.
Das ist zweifellos bemerkenswert.
Doch eine hohe Elektroautoquote beantwortet noch nicht die Frage, warum Norwegen diesen Stand erreicht hat und ob Deutschland unter völlig anderen Bedingungen den gleichen Weg gehen kann.
Genau dieser Systemvergleich kommt in Krawinkels Standpunkt zu kurz.
Norwegens Strom kommt vor allem aus Wasserkraft
Norwegen verfügt über natürliche Voraussetzungen, die kaum ein anderes europäisches Land besitzt.
2025 wurden dort insgesamt rund 161,8 Terawattstunden Strom erzeugt. Davon stammten etwa 145,5 Terawattstunden aus Wasserkraft. Ihr Anteil an der gesamten Stromerzeugung betrug damit 89,9 Prozent. Windkraft steuerte weitere 8,6 Prozent bei.
Doch allein der hohe Anteil erneuerbarer Energie beschreibt den entscheidenden Unterschied noch nicht.
Viele norwegische Wasserkraftwerke verfügen über große Speicherbecken. Wasser kann zurückgehalten und die Stromproduktion den jeweiligen Anforderungen angepasst werden. Die norwegische Energiebehörde NVE weist ausdrücklich darauf hin, welche Bedeutung diese Regelbarkeit für das Stromsystem besitzt: Produktion, Energiespeicherung und Verbrauch müssen flexibel aufeinander reagieren können.
Damit besitzt Norwegen etwas außerordentlich Wertvolles: erneuerbare Energie, die in großem Umfang gespeichert und bedarfsgerecht genutzt werden kann.
Wasserkraft ist nicht mit Wind- und Solarenergie gleichzusetzen
Deutschland verfolgt einen anderen Weg.
2025 stammten nach Angaben der Bundesnetzagentur 58,8 Prozent der Stromerzeugung im öffentlichen Netz aus erneuerbaren Energien. Den größten Beitrag leistete die Windenergie mit zusammen rund 132,6 Terawattstunden, gefolgt von Photovoltaik mit 74,1 Terawattstunden. Gleichzeitig kamen weiterhin 67,2 Terawattstunden aus Braunkohle und 60,6 Terawattstunden aus Erdgas.
Wind und Sonne unterscheiden sich jedoch fundamental von Speicherwasserkraft. Bei starkem Wind oder intensiver Sonneneinstrahlung können große Mengen Strom erzeugt werden. Bei wenig Wind und fehlender Sonne sinkt die Produktion dagegen unabhängig vom aktuellen Strombedarf.
Ein norwegischer Speichersee kann Energie zurückhalten. Ein Windpark kann den Wind nicht speichern.
Das bedeutet nicht, dass Wind- oder Solarenergie ungeeignet wären. Es bedeutet aber, dass ein Stromsystem mit hohen Anteilen wetterabhängiger Erzeugung zusätzliche Lösungen benötigt: Netze, Speicher, flexible Verbraucher, Stromimporte und regelbare Kraftwerke müssen jederzeit dafür sorgen, dass Angebot und Nachfrage übereinstimmen.
Genau deshalb ist ein Vergleich allein anhand des Anteils erneuerbarer Energien zu kurz gegriffen.
Norwegens Elektroautos sind das Ergebnis jahrzehntelanger Förderung
Auch bei der Elektromobilität unterscheidet sich die Entwicklung deutlich von dem Eindruck, den Krawinkels Standpunkt vermitteln könnte.
Die norwegische Regierung selbst beschreibt Steuern und staatliche Anreize als wesentlichen Grund für den Erfolg der Elektroautos. Seit 2001 waren Elektrofahrzeuge von der Mehrwertsteuer befreit. Bereits seit 1990 bestanden Vorteile bei der einmaligen Zulassungssteuer. Gleichzeitig wurden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor durch hohe Abgaben verteuert. Hinzu kamen Vergünstigungen bei Maut, Fähren und teilweise beim Parken sowie weitere Nutzervorteile.
Diese Förderung war erheblich.
Die norwegische Regierung bezifferte die entgangenen Einnahmen aus automobilbezogenen Steuern für 2025 gegenüber dem Steuersystem von 2007 auf rund 50 Milliarden norwegische Kronen.
Erst nachdem der Markt weitgehend elektrifiziert war, begann Norwegen damit, diese Vorteile schrittweise zurückzufahren. Für 2026 wurde die Mehrwertsteuerbefreiung weiter eingeschränkt. Für 2027 soll sie nach den aktuellen Planungen nochmals deutlich reduziert werden.
Der Erfolg der Elektromobilität entstand also nicht einfach deshalb, weil die Norweger früher als die Deutschen erkannt hätten, welches Antriebssystem das bessere sei.
Er ist auch das Ergebnis einer jahrzehntelangen und finanziell aufwendigen politischen Steuerung.
Ein Elektroauto-Land mit großen Öl- und Gasexporten
Zum vollständigen Bild gehört noch ein weiterer Aspekt. Norwegen ist nicht nur das Land der Wasserkraft und der Elektroautos. Es gehört gleichzeitig zu den bedeutenden Erdöl- und Erdgasproduzenten Europas.
Nach Angaben der norwegischen Regierung soll der staatliche Netto-Cashflow aus dem Petroleumsektor allein 2026 rund 686 Milliarden norwegische Kronen erreichen. Die Regierung verweist ausdrücklich auf die große Bedeutung dieser Einnahmen für Wirtschaft und Wohlfahrtsstaat. Norwegen elektrifiziert also seinen eigenen Straßenverkehr, während es gleichzeitig weiterhin große Mengen Öl und Gas exportiert.
Erich Ostermeier bezeichnet diesen Widerspruch in seinem Leserbrief sinngemäß als ‚Doppelmoral‘. Das ist eine politische Wertung. Sachlich festzustellen ist jedoch: Der finanzielle Handlungsspielraum Norwegens lässt sich von seiner Öl- und Gaswirtschaft nicht trennen.
Auch das gehört zu einem vollständigen Vergleich mit Deutschland.
Was bedeutet „alles auf Strom“?
Besonders interessant wird Krawinkels Standpunkt mit seiner Forderung, Deutschland müsse künftig „alles auf Strom“ setzen.
Damit ist eine weitreichende Veränderung des gesamten Energiesystems verbunden. Nicht nur der Straßenverkehr soll elektrifiziert werden. Auch Heizungen sollen zunehmend mit Wärmepumpen betrieben werden. Industrieprozesse sollen auf Strom oder elektrisch erzeugten Wasserstoff umgestellt werden. Hinzu kommen neue Verbraucher wie Rechenzentren und weitere Anwendungen, die heute noch fossile Energieträger nutzen.
Dadurch steigt die Bedeutung des Stromsystems erheblich.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein:
Können Elektroautos mit erneuerbarem Strom fahren?
Natürlich können sie das.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Kann ein weitgehend elektrifiziertes Industrieland jederzeit genügend Strom bereitstellen – auch dann, wenn Wind und Sonne nur wenig beitragen?
Norwegen hat darauf eine vergleichsweise komfortable Antwort: seine großen Wasserspeicher und regelbaren Wasserkraftwerke. Deutschland besitzt diese Möglichkeit nur in sehr begrenztem Umfang.
Jahresmengen allein beantworten die Frage nicht
In Diskussionen über die Energiewende werden häufig Jahreswerte miteinander verglichen. Wie viel Strom wurde aus Wind erzeugt? Wie groß war der Anteil erneuerbarer Energien? Wie viele zusätzliche Windräder oder Solaranlagen werden benötigt?
Für die Versorgungssicherheit reicht diese Betrachtung nicht aus. Stromerzeugung und Stromverbrauch müssen jederzeit im Gleichgewicht stehen. Ein Überschuss an einem windreichen Sonntag im Sommer kann eine Unterdeckung an einem windarmen Winterabend nicht automatisch ausgleichen. Dafür müsste Energie gespeichert, Verbrauch verschoben oder zusätzliche regelbare Leistung bereitgestellt werden.
Norwegens Wasserkraft übernimmt genau diese Funktion in erheblichem Umfang. Die NVE weist selbst darauf hin, dass zunehmende Anteile nicht regelbarer Wind- und Solarenergie die Bedeutung flexibler Erzeugung weiter erhöhen. Gerade deshalb ist Norwegen ein interessantes Beispiel – allerdings aus einem anderen Grund, als Krawinkels Standpunkt vermuten lässt.
Es zeigt, wie wertvoll regelbare und speicherbare Energie in einem elektrifizierten Energiesystem ist.
Auch Norwegen ist keine energetische Insel
Dabei sollte auch das norwegische Modell nicht idealisiert werden. Norwegen ist über zahlreiche Leitungen mit seinen Nachbarländern und dem europäischen Strommarkt verbunden. Wassermengen und Füllstände der Speicher hängen von Niederschlägen ab. Strompreise unterscheiden sich regional und können erheblich schwanken.
Auch Norwegen ist deshalb Teil eines größeren europäischen Versorgungssystems. Der entscheidende Vorteil bleibt dennoch bestehen: Das Land verfügt mit seinen Speicherseen über eine Flexibilität, die in dieser Größenordnung in Deutschland nicht vorhanden ist.
Der Streit über Verbrenner greift zu kurz
Krawinkel richtet einen erheblichen Teil seiner Kritik gegen eine „Verbrenner-Lobby“, politische Gegner der Elektromobilität und Diskussionen über Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe. Dass Interessenverbände und politische Kampagnen Einfluss auf energiepolitische Entscheidungen nehmen, ist kaum zu bestreiten.
Doch damit ist die Frage nach der richtigen Energiepolitik noch nicht beantwortet. Eine komplexe Transformation lässt sich nicht allein dadurch erklären, dass die vermeintlich falschen Akteure den Fortschritt aufgehalten hätten.
Stromerzeugung, Netze, Speicher, Kraftwerke, Rohstoffe, Kosten, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit bleiben reale technische und ökonomische Herausforderungen – unabhängig davon, welche politische Partei oder welche Lobbygruppe darüber spricht.
Norwegen zeigt tatsächlich, wie es anders geht
Krawinkels Überschrift ist deshalb vielleicht treffender, als sie zunächst erscheint.
Norwegen zeigt tatsächlich, wie es anders geht.
Das Land verfügt über ein Stromsystem, das fast vollständig auf erneuerbarer Energie basiert und gleichzeitig in erheblichem Umfang regelbar ist. Es konnte Elektromobilität über Jahrzehnte massiv steuerlich fördern. Und seine Öl- und Gasvorkommen verschaffen dem Staat außergewöhnliche finanzielle Möglichkeiten.
Deutschland hat andere geografische, energiewirtschaftliche und industrielle Voraussetzungen.
Aus den hohen norwegischen Elektroautoquoten lässt sich deshalb weder ableiten, dass Elektromobilität für Deutschland ungeeignet wäre, noch dass das norwegische Modell einfach übernommen werden könnte.
Wer Norwegen als Vorbild nennt, sollte deshalb nicht nur auf die Autos schauen. Er sollte auch auf das System dahinter schauen.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht:
„Zeigt Norwegen, dass Elektromobilität funktioniert?“
Das hat Norwegen längst bewiesen.
Die spannendere Frage ist:
„Zeigt Norwegen auch, wie ein hochindustrialisiertes Deutschland mit einem überwiegend von Wind- und Solarenergie getragenen Stromsystem ‚alles auf Strom‘ setzen kann?“
Darauf gibt der Blick nach Norwegen keine einfache Antwort.
Quellen
- Opplysningsrådet for veitrafikken (OFV):
„Nær sju av ti nye personbiler i Norden var elektriske i august“, 14. September 2026. Im August 2026 erreichte der Anteil batterieelektrischer Pkw an den norwegischen Neuzulassungen 98,7 Prozent. - Statistisk sentralbyrå (SSB):
„Høyeste strømproduksjon noensinne“, Januar 2026. Norwegen erzeugte 2025 insgesamt 161,8 TWh Strom, davon 145,5 TWh aus Wasserkraft. - Norges vassdrags- og energidirektorat (NVE):
„Hvor mye fleksibilitet er det i den norske vannkraften?“ Zur Bedeutung der Speicher- und Regelbarkeit norwegischer Wasserkraftwerke. Nach Angaben der NVE entfallen rund 77 Prozent der norwegischen Wasserkraftproduktion auf Speicherkraftwerke. - Norwegische Regierung:
„Prop. 1 LS (2025–2026)“. Zur schrittweisen Reduzierung der Mehrwertsteuervergünstigungen für Elektroautos und zur bisherigen staatlichen Förderung der Elektromobilität. - Norwegisches Energieministerium:
„Stable production and high petroleum revenues from the Norwegian continental shelf“, 12. Mai 2026. Der staatliche Netto-Cashflow aus der Erdöl- und Erdgaswirtschaft wird für 2026 auf rund 686 Milliarden norwegische Kronen geschätzt. - Bundesnetzagentur:
„Bundesnetzagentur veröffentlicht Daten zum Strommarkt 2025“, 5. Januar 2026. Erneuerbare Energien erreichten 2025 einen Anteil von 58,8 Prozent an der realisierten Stromerzeugung im öffentlichen Netz; Wind- und Solarenergie stellten den größten Teil davon.

