Standpunkt eines Energieexperten
Norwegen als Vorbild?
Leserbrief zum Artikel „Norwegen zeigt, wie es anders geht“ vom 25. September sowie zum darauf folgenden Leserbrief „Ein irreführender Artikel“ vom 2. Oktober.
Holger Krawinkel verweist zu Recht auf den beeindruckend hohen Anteil von Elektroautos bei den Neuzulassungen in Norwegen. Auch der Leserbrief von Erich Ostermeier spricht mit der besonderen Bedeutung der Wasserkraft und den Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft wichtige Unterschiede zu Deutschland an.
Bei beiden Beiträgen fehlt mir jedoch etwas: der Blick auf das gesamte Energiesystem.
Norwegen erzeugte 2025 rund 90 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft. Entscheidend ist dabei nicht allein, dass diese Energie erneuerbar ist. Viele norwegische Wasserkraftwerke sind durch große Speicherseen regelbar. Strom kann also in erheblichem Umfang dann erzeugt werden, wenn er benötigt wird. Das unterscheidet das norwegische Stromsystem grundlegend von einem System, das zunehmend von wetterabhängiger Wind- und Solarenergie geprägt wird.
Hinzu kommt, dass der Erfolg der Elektromobilität in Norwegen nicht allein mit günstigem erneuerbarem Strom zu erklären ist. Elektroautos wurden über viele Jahre steuerlich erheblich begünstigt. Erst jetzt werden diese Vorteile schrittweise zurückgenommen, weil die Elektromobilität dort längst zum Normalfall geworden ist.
Auch die außergewöhnliche finanzielle Situation Norwegens gehört zum Gesamtbild. Die staatlichen Einnahmen aus Öl und Gas fließen zwar nicht unmittelbar in Straßen oder Elektroautos, sondern grundsätzlich in den staatlichen Pensionsfonds. Dieser verschafft dem Land jedoch einen finanzpolitischen Spielraum, der mit Deutschland kaum vergleichbar ist.
Deshalb überzeugt mich die einfache Gegenüberstellung „Norwegen macht es richtig – Deutschland wird durch Verbrenner-Lobby und Politik ausgebremst“ nicht. Ebenso wenig wäre es richtig, die norwegische Stromversorgung als völlig problemlos oder jederzeit unabhängig darzustellen.
Bei einem Standpunkt darf zugespitzt werden. Von einem Energieexperten darf man aber erwarten, dass ein internationaler Vergleich die unterschiedlichen energiewirtschaftlichen Voraussetzungen zumindest erkennen lässt.
Besonders interessant ist deshalb Krawinkels Forderung, Deutschland müsse künftig „alles auf Strom“ setzen. Genau dann müsste die nächste Frage lauten: Woher kommt dieser zusätzliche Strom zu jeder Stunde des Jahres, wie wird er gespeichert oder abgesichert und welche Netze und regelbaren Kraftwerke werden dafür benötigt?
Norwegen zeigt zweifellos, was mit Elektromobilität möglich ist. Die eigentlich interessante Frage lautet jedoch: Zeigt Norwegen damit auch, wie es in Deutschland geht?
Manfred Bartsch
Lauenau
Gedruckt: Schaumburger Nachrichten – 10. Oktober 2026.
Gastbeiträge und „Standpunkte“
Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) veröffentlicht unter der Bezeichnung „Standpunkt“ Gastkommentare zu aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Fragen. Dabei kommen Autoren zu Wort, die Themen aus ihrer beruflichen oder praktischen Erfahrung heraus beurteilen. Die Beiträge sind ausdrücklich als Meinungs- und Debattenbeiträge angelegt und sollen unterschiedliche Argumente zur Diskussion stellen.
„Standpunkt“ – der Gastkommentar
Quelle: Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), „Standpunkt – der Gastkommentar“.
Unsere Gesellschaft lebt davon, dass die beste Idee gewinnt. Dafür braucht es Debatten und Argumente – auch wenn sie kontrovers sind. Argumente, die aus praktischen Erfahrungen gespeist sind. Im Gastbeitrag „Standpunkt“ lassen wir deshalb Menschen zu Wort kommen, die wichtige Debatten und Ideen aus ihrer Praxis beurteilen können. Und bieten ihnen einen festen Ort, um zu hinterfragen, ob eine Idee nur groß ist oder wirklich Potenzial hat – und welche Argumente der Realität standhalten.
Ein Gastbeitrag zur Elektromobilität
Vorbild Norwegen: Was Deutschland von der Elektrifizierungswelle im Norden lernen kann
Der Standpunkt von Holger Krawinkel vom 25. September 2026 steht online ohne Abo komplett zur Verfügung:

