Windkraft im Wald in Thüringen
Windkraft im Wald: Wirtschaftliche Chancen – und die oft übersehenen Folgen
Der Beitrag der Tagesschau vom 8. Juli 2026 beschäftigt sich am Beispiel Thüringens mit der Frage, welche Rolle Windenergie künftig im Wald spielen kann. Im Mittelpunkt stehen dabei die wirtschaftlichen Chancen für Thüringenforst sowie die Finanzierung des Waldumbaus durch zusätzliche Einnahmen aus Windenergieanlagen. Gerade weil der Beitrag einen konkreten Bezug zu Thüringen herstellt, dürfte er für Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Initiativen im Freistaat von besonderem Interesse sein.
Gleichzeitig berührt die dargestellte Problematik jedoch zahlreiche Fragen, die bundesweit diskutiert werden. Der Beitrag zeigt eine wichtige Perspektive – lässt aus Sicht vieler Fachleute jedoch wesentliche Aspekte des Natur-, Arten-, Landschafts- und Gesundheitsschutzes sowie langfristige wirtschaftliche und rechtliche Risiken weitgehend unberücksichtigt.
Prof. Dr. Andreas Schulte, Professor für Klimakunde, Waldökologie und Forstwirtschaft, setzt sich in seiner inzwischen sieben Teile umfassenden Videoserie ausführlich mit diesen Themen auseinander. Seine Vorträge stützen sich auf zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen und umfangreiche Literaturverzeichnisse, die eine eigene Überprüfung der dargestellten Inhalte ermöglichen.
Wald ist mehr als eine Fläche
Der Tagesschau-Beitrag konzentriert sich auf die wirtschaftliche Nutzung des Waldes. Prof. Dr. Schulte weist dagegen darauf hin, dass Wald ein dreidimensionales Ökosystem ist. Neben den Bäumen gehören der jahrtausendealte Waldboden, der Wasserhaushalt, die Tier- und Pflanzenwelt sowie der Luftraum über den Baumkronen zum Lebensraum Wald.
Aus dieser Sicht reichen Aussagen über die dauerhaft beanspruchte Fundamentfläche einer Windenergieanlage allein nicht aus, um die tatsächlichen Auswirkungen auf das Ökosystem zu beschreiben.
Natur- und Artenschutz
Der Beitrag erwähnt Konflikte mit Fledermäusen und einzelnen Vogelarten. Nach Auffassung von Prof. Dr. Schulte greift diese Darstellung jedoch zu kurz.
In seiner Analyse beschreibt er Auswirkungen auf zahlreiche Tierarten, darunter Fledermäuse, Rotmilan, Schwarzstorch, Waldschnepfe, Auerhuhn, Birkhuhn und Wildkatze. Besonderes Gewicht legt er auf Fledermäuse, da sie jedes Jahr enorme Mengen an Mücken sowie land- und forstwirtschaftlichen Schadinsekten wie Borkenkäfer oder Kiefernspanner fressen und damit eine wichtige ökologische Funktion erfüllen.
Während im Tagesschau-Beitrag höhere Windenergieanlagen als Vorteil für Fledermäuse dargestellt werden, verweist Schulte auf wissenschaftliche Arbeiten, nach denen insbesondere Arten wie der Große Abendsegler genau den Luftraum oberhalb der Baumkronen als Jagdgebiet nutzen. Neben Kollisionen beschreibt die Fachliteratur auch das sogenannte Barotrauma als bedeutende Todesursache.
Boden, Wasser und Landschaft
Kaum behandelt werden im Tagesschau-Beitrag die Auswirkungen auf Waldböden und Trinkwasserschutzgebiete.
Prof. Dr. Schulte weist darauf hin, dass Waldböden über Jahrtausende entstanden sind und eine zentrale Rolle für Wasseraufnahme, Wasserspeicherung und Trinkwasserbildung spielen. Darüber hinaus thematisiert er mögliche Risiken durch Betriebsstoffe, Abrieb von Rotorblättern, Rückbaufragen sowie Eingriffe in den Wasserhaushalt.
Auch die Bedeutung des Waldes als Ruhe- und Erholungsraum bleibt im Beitrag weitgehend unberücksichtigt.
Schall und Infraschall
Ein Thema, das im Tagesschau-Beitrag überhaupt nicht vorkommt, sind mögliche Auswirkungen von Schall und Infraschall.
Prof. Dr. Schulte widmet diesem Themenkomplex eine ausführliche Analyse. Er verweist auf neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen, nach denen tieffrequenter Schall nicht allein über das Gehör aufgenommen wird. Diskutiert werden mögliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus sowie auf Tiere. Gleichzeitig macht er deutlich, dass die wissenschaftliche Diskussion hierzu international weitergeführt wird und unterschiedliche Bewertungen existieren.
Unabhängig von der Infraschall-Debatte verweist er auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu hörbarem Schall und auf die Bedeutung ruhiger Waldgebiete für Erholung, Gesundheit und Tourismus.
Wirtschaftliche Chancen und wirtschaftliche Risiken
Der Tagesschau-Beitrag hebt die zusätzlichen Einnahmen aus Windenergieanlagen hervor. Einnahmen können insbesondere kommunalen oder staatlichen Waldbesitzern neue finanzielle Spielräume eröffnen.
Weniger Beachtung finden jedoch die wirtschaftlichen Risiken. In der siebten Folge seiner Videoserie verweist Prof. Dr. Schulte auf offene Fragen beim vollständigen Rückbau von Anlagen, auf mögliche Haftungs- und Insolvenzrisiken sowie auf die langfristige Absicherung von Rückbaukosten und Fundamententfernung. Gerade bei langfristigen Pachtverträgen sollten Grundstückseigentümer diese Aspekte sorgfältig prüfen.
Eine vollständige Abwägung ist notwendig
Windenergie im Wald ist weit mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung. Sie berührt Fragen des Natur- und Artenschutzes, des Bodens, des Wasserhaushalts, der Gesundheit, der Erholung sowie langfristige wirtschaftliche und rechtliche Risiken.
Der Tagesschau-Beitrag zeigt einen wichtigen Teil dieser Diskussion. Wer sich jedoch ein möglichst vollständiges Bild machen möchte, sollte auch die wissenschaftlichen Einordnungen und Quellen berücksichtigen, die Prof. Dr. Andreas Schulte in seiner Videoserie ausführlich dokumentiert hat. Erst die Gegenüberstellung unterschiedlicher Perspektiven ermöglicht eine fundierte eigene Bewertung.
Originalbeitrag der Tagesschau
Wissensbasierter Blick auf Windkraft im Wald
Die Videoserie von Prof. Dr. Andreas Schulte möchte Hintergründe und Interessen rund um den Windkraft-Boom in Deutschland offenlegen. Ein wichtiges Anliegen ist die Transparenz von Datenquellen: Im Video werden Studien, Gesetzestexte und amtliche Statistiken benannt.
Titelfoto: © magnific.com – symbolisch für Windräder im Wald.

