Erneuerbare: Zunehmend Abschaltungen
Montel-Analyse 2025: Was bedeuten freiwillige Abschaltungen erneuerbarer Energien für den Windkraftausbau in Schaumburg?
Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet in Deutschland weiter voran. Gleichzeitig wächst jedoch ein Problem, über das bislang vergleichsweise wenig gesprochen wird: Immer häufiger werden Wind- und Solaranlagen freiwillig abgeschaltet – nicht wegen technischer Defekte oder Netzengpässe, sondern weil sich die Einspeisung wirtschaftlich zeitweise nicht mehr lohnt.
Eine aktuelle Analyse des norwegischen Energiedatenunternehmens Montel zeigt: Deutschland erreichte 2025 bei diesen sogenannten preisinduzierten Abschaltungen einen neuen Rekord. Für Regionen wie den Landkreis Schaumburg mit zusätzlichem Ausbau von Windenergie stellt sich damit eine grundlegende Frage: Reicht der Bau neuer Anlagen allein aus – oder müssen Speicher, Netze und steuerbare Verbraucher gleichzeitig mitgedacht werden?
Rekordjahr 2025: Wenn erneuerbarer Strom keinen Markt findet
Nach dem „European Price Sensitive Curtailment Report 2025“ wurden in Deutschland rund 1,75 Terawattstunden (TWh) erneuerbarer Strom freiwillig abgeregelt. Damit lag Deutschland europaweit an der Spitze vor Frankreich und den Niederlanden. Gegenüber 2024 stieg die Menge nochmals deutlich an.
Wichtig ist die Unterscheidung: Hier geht es nicht um Abschaltungen durch Netzbetreiber (Redispatch), sondern um eine wirtschaftliche Entscheidung der Betreiber selbst. Wenn Strompreise an der Börse stark fallen oder sogar negativ werden, lohnt sich die Einspeisung teilweise nicht mehr. In solchen Situationen werden Anlagen bewusst heruntergeregelt. Montel berichtet sogar, dass Betreiber inzwischen teils bereits bei Strompreisen zwischen 0 und 5 Euro pro Megawattstunde freiwillig abschalten.
Die Ursache: Immer mehr Strom zur gleichen Zeit
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der massive Ausbau der Photovoltaik. Gerade an sonnigen Tagen entstehen in den Mittagsstunden hohe Einspeisespitzen. Wenn gleichzeitig die Stromnachfrage niedrig bleibt – etwa an Wochenenden oder Feiertagen –, fallen die Preise stark ab. Montel spricht in diesem Zusammenhang von einer zunehmenden „Preiskannibalisierung“: Erneuerbare Energien drücken durch ihre eigene Menge den Marktwert des Stroms.
Deutschland verzeichnete 2025 zudem einen neuen Höchstwert an Stunden mit negativen Strompreisen. Besonders betroffen waren laut Montel die Sommermonate und die Mittagszeit – also typische Solarspitzen.
Was bedeutet das für zusätzliche Windenergie in Schaumburg?
Auf den ersten Blick könnte man annehmen, dass zusätzliche Windenergie das Problem entschärft, weil Windkraft häufig nachts und im Winter besonders viel Strom liefert. Tatsächlich ergänzt sich Windenergie in vielen Situationen sinnvoll mit Solarstrom.
Dennoch entsteht ein neuer Blickwinkel: Was passiert, wenn viel Wind und viel Solarstrom gleichzeitig aufeinandertreffen?
Genau diese Kombination wird zunehmend relevant – etwa an windreichen Frühjahrswochenenden mit gleichzeitig hoher Sonneneinstrahlung. In solchen Stunden entsteht regional wie national ein Überangebot. Der Strom ist vorhanden, kann aber wirtschaftlich oder technisch nicht vollständig genutzt werden. Die Folge: sinkende Preise und freiwillige Abschaltungen.
Gerade für den Landkreis Schaumburg mit geplanten zusätzlichen Windenergieflächen stellt sich daher eine strategische Frage: Wächst die Infrastruktur ebenso schnell wie die Erzeugungskapazität?
Mehr als nur neue Anlagen: Die zweite Phase der Energiewende
Die Montel-Analyse deutet auf einen Wandel hin. In den ersten Jahren der Energiewende stand vor allem der Ausbau von Wind- und Solaranlagen im Mittelpunkt. Nun rückt eine zweite Phase in den Vordergrund: die Frage, wie zeitweise große Strommengen gespeichert, verteilt oder flexibel genutzt werden können.
Dazu gehören:
- leistungsfähigere Stromnetze,
- Batteriespeicher,
- flexible industrielle Verbraucher,
- intelligente Steuerung von Wärmepumpen und Elektromobilität,
- sowie neue Stromnutzungen wie Wasserstoffproduktion.
Montel beschreibt die zunehmenden Abschaltungen ausdrücklich als ein strukturelles Ergebnis eines Systems, in dem der Ausbau erneuerbarer Erzeugung derzeit schneller wächst als Speicher, Nachfrageflexibilität und Netzanpassung.
Eine offene Frage für Schaumburg
Für die lokale Diskussion über zusätzliche Windenergie bedeutet dies keineswegs automatisch ein Gegenargument gegen erneuerbare Energien. Es wirft jedoch eine sachliche und wichtige Frage auf:
Ist ein weiterer Ausbau von Windkraft sinnvollerweise an den parallelen Ausbau von Netzen, Speichern und flexiblen Verbrauchern gekoppelt?
Denn nicht jede zusätzlich erzeugte Kilowattstunde lässt sich automatisch auch wirtschaftlich nutzen. Gerade dort, wo Windkraft und Solarstrom gleichzeitig hohe Leistungen erzeugen, könnten künftig häufiger Situationen entstehen, in denen Strom zwar vorhanden ist – aber zeitweise keinen wirtschaftlichen Abnehmer findet.
Die Montel-Analyse macht damit deutlich: Die Herausforderung der Energiewende besteht künftig nicht mehr nur darin, genügend erneuerbare Erzeugung aufzubauen. Ebenso entscheidend wird die Frage, wie mit Zeiten des Überangebots umgegangen wird. Schaumburg könnte – wie viele Regionen in Deutschland – schon bald Teil genau dieser Diskussion werden.
Titelbild: ChatGPT – symbolisch für Solarpark an der Autobahn.

