Porträt eines Energieökonomen
Björn Peters fragt kritisch: Darf man ein funktionierendes Energiesystem abschalten, bevor das neue trägt?
Die deutsche Energiewende wird häufig als technische Erfolgsgeschichte erzählt: mehr Windkraft, mehr Photovoltaik, mehr Strom aus erneuerbaren Quellen. Doch je weiter der Umbau voranschreitet, desto stärker treten Fragen in den Vordergrund, die lange eher am Rand standen. Was geschieht, wenn wetterabhängige Stromerzeugung nicht zum Bedarf passt? Wer liefert Strom bei Dunkelflaute? Wie groß müssen Speicher, Netze und Reservekraftwerke tatsächlich werden? Und was bedeutet das alles für Industrie, Arbeitsplätze, Landschaft und Natur?
Einer, der diese Fragen besonders deutlich stellt, ist der Physiker und Energieökonom Dr. Björn Peters. Er gehört zu den profilierten Kritikern der deutschen Energiewende. Seine Aussagen sind zugespitzt, seine Schlussfolgerungen politisch umstritten, und seine Nähe zur Kernenergie-Debatte macht ihn angreifbar. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick auf seine Argumentation. Denn hinter der Schärfe seiner Kritik steht eine Frage, die jede verantwortliche Energiepolitik beantworten muss: Ersetzt man ein bewährtes System erst dann, wenn das neue zuverlässig funktioniert – oder schaltet man das Alte ab und hofft, dass der Rest rechtzeitig gelingt?
Ein Kritiker mit fachlichem Hintergrund
Björn Peters ist promovierter Physiker, Energieökonom, Unternehmer und Autor. Er leitete das private Forschungs- und Beratungsunternehmen Peters Coll. und veröffentlichte 2025 das Buch „Schluss mit der Energiewende! Warum Deutschlands Volkswirtschaft dringend ökologischen Realismus braucht“. Schon der Titel zeigt: Peters will die Energiewende nicht nur korrigieren, sondern grundsätzlich neu denken.
Sein Gegenbegriff lautet „Ökologischer Realismus“. Gemeint ist damit eine Energiepolitik, die nicht zuerst von politischen Zielbildern ausgeht, sondern von physikalischen, wirtschaftlichen und ökologischen Grenzen. Energie müsse zuverlässig, bezahlbar und naturverträglich bereitstehen. Genau daran, so seine Kritik, scheitere die deutsche Energiewende zunehmend.
Peters argumentiert nicht aus einer neutralen Beobachterposition. Er ist klar positioniert, befürwortet eine Neubewertung der Kernenergie und kritisiert Wind- und Solarenergie als tragende Säulen eines Industriestandorts. Diese Einordnung ist wichtig. Seine Beiträge sind keine behördlichen Gutachten, sondern Interventionen in eine politische Debatte. Doch gerade deshalb können sie als Gegenstimme interessant sein – vorausgesetzt, man übernimmt sie nicht ungeprüft, sondern betrachtet sie als Anstoß zur eigenen Prüfung.
Die einfache Frage hinter der komplizierten Debatte
Besonders ein Gedanke zieht sich durch seine Argumentation: Eine alte Technologie sollte nicht abgeschaltet werden, solange die neue Technologie ihre Aufgabe noch nicht sicher erfüllen kann.
Dieser Satz klingt fast banal. In der Energiepolitik ist er jedoch hochbrisant. Denn Deutschland hat in den vergangenen Jahren zuerst die Kernkraft beendet, den Kohleausstieg beschlossen und zugleich den Ausbau von Wind- und Solarenergie massiv vorangetrieben. Das neue System soll künftig mit Speichern, Netzen, flexiblem Verbrauch, Importen und Reservekraftwerken stabilisiert werden.
Doch vieles davon ist noch nicht in dem Umfang vorhanden, der für ein Industrieland notwendig wäre. Die Netze hinken dem Ausbau hinterher. Speicher reichen bislang nicht aus, um längere Flauten zu überbrücken. Neue Gaskraftwerke werden diskutiert, obwohl sie wiederum fossile Brennstoffe benötigen. Gleichzeitig entstehen immer häufiger Situationen, in denen zu bestimmten Zeiten zu viel Strom produziert wird – und zu anderen Zeiten zu wenig.
Genau hier setzt Peters an. Seine Kritik lautet nicht, dass Windräder oder Solaranlagen keinen Strom liefern. Sie liefern Strom – teilweise sogar sehr viel. Die entscheidende Frage ist aber: Liefern sie ihn dann, wenn er gebraucht wird?
Überschüsse und Lücken gleichzeitig
Ein Grundproblem wetterabhängiger Stromerzeugung besteht darin, dass Produktion und Bedarf nicht automatisch zusammenpassen. An windreichen oder sehr sonnigen Tagen kann es zu Stromüberschüssen kommen. Dann fallen Börsenpreise, Anlagen werden abgeregelt oder Strom wird exportiert. In windarmen, dunklen Phasen dagegen muss die Versorgung aus anderen Quellen gesichert werden.
Das klingt widersprüchlich: Wie kann ein Land gleichzeitig zu viel und zu wenig Strom haben? Doch genau dieser Widerspruch gehört zum Kern der Energiewende. Nicht die Jahresmenge allein entscheidet über Versorgungssicherheit, sondern der Zeitpunkt der Erzeugung. Strom muss in jeder Minute verfügbar sein. Ein Industrieland kann nicht nur im Jahresdurchschnitt versorgt werden.
Peters macht daraus eine grundsätzliche Kritik an der politischen Kommunikation. Die Debatte über Ausbauzahlen, installierte Leistung und Jahresproduktion verdecke aus seiner Sicht die eigentliche Systemfrage. Ein Windpark ersetzt kein steuerbares Kraftwerk, wenn er in der entscheidenden Stunde nicht liefert. Eine Solaranlage hilft in der Nacht nicht. Und Batteriespeicher können kurzfristige Schwankungen ausgleichen, aber nicht ohne Weiteres mehrtägige oder gar mehrwöchige Versorgungslücken schließen.
Speicher als Versprechen – und als Kostenfrage
Speicher gelten in der öffentlichen Debatte oft als Lösung für die Schwankungen von Wind und Sonne. Tatsächlich werden sie eine wichtige Rolle spielen. Doch Peters warnt davor, Speicher als einfache Antwort auf ein komplexes Problem zu behandeln.
Denn Speicher erzeugen keine Energie. Sie verschieben Energie zeitlich. Dabei entstehen Verluste, Investitionskosten und zusätzlicher Infrastrukturbedarf. Je größer der Anteil wetterabhängiger Stromerzeugung wird, desto wichtiger wird die Frage, wie groß Speicher dimensioniert sein müssten – und wer ihre Kosten trägt.
Besonders kritisch sieht Peters die Vorstellung, ein Industrieland könne sich im Wesentlichen mit Wind, Sonne und Batterien versorgen. Batterien eignen sich gut für Stunden, vielleicht auch für kurze Zeiträume. Für längere Dunkelflauten werden andere Lösungen benötigt: Gaskraftwerke, Wasserstoff, Importe oder weiterhin steuerbare Kraftwerke. Jede dieser Lösungen hat ihren Preis und ihre eigenen Abhängigkeiten.
Damit verschiebt sich die Debatte. Es reicht nicht, den Ausbau erneuerbarer Energien zu zählen. Man muss auch die Kosten des Gesamtsystems betrachten: Netze, Speicher, Reservekraftwerke, Redispatch, Entschädigungen bei Abregelung, Flächenverbrauch und Eingriffe in Natur und Landschaft.
Warum diese Kritik für Schaumburg und andere Regionen wichtig ist
Für ländliche Regionen ist diese Debatte nicht abstrakt. Windenergieanlagen und große Photovoltaikflächen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie verändern Landschaften, greifen in Natur- und Lebensräume ein, benötigen Leitungen, Zufahrten und Ausgleichsmaßnahmen. Gleichzeitig werden sie häufig mit dem Argument begründet, dass jeder weitere Ausbau notwendig sei, um Versorgungssicherheit und Klimaschutz zu gewährleisten.
Wenn aber die Systemfrage offen bleibt, verändert sich auch die Bewertung vor Ort. Dann geht es nicht mehr nur darum, ob eine einzelne Anlage Strom erzeugt. Es geht darum, welchen Beitrag sie tatsächlich zu einem stabilen, bezahlbaren und naturverträglichen Energiesystem leistet.
Gerade in Regionen wie dem Schaumburger Land, wo Naturräume, Landschaftsbild, Artenvielfalt und Lebensqualität eine wichtige Rolle spielen, darf diese Frage nicht ausgeblendet werden. Wer Windkraftflächen ausweist, muss mehr beantworten als die Frage nach theoretischen Kilowattstunden. Er muss erklären, wie sich der Ausbau in ein Gesamtsystem einfügt, das auch bei Flaute, Dunkelheit und hohem Verbrauch trägt.
Zwischen Warnung und Alarmismus
Peters formuliert seine Kritik häufig sehr scharf. Er warnt vor steigenden Kosten, Industrieabwanderung, Arbeitsplatzverlusten und gesellschaftlichen Verwerfungen. Solche Aussagen können verunsichern. Sie können auch überzogen wirken, wenn sie ohne Einordnung präsentiert werden.
Deshalb sollte man seine Beiträge nicht als endgültige Wahrheit lesen. Man sollte sie als Warnsignal verstehen. Ein Warnsignal ist nicht automatisch ein Beweis. Aber es fordert dazu auf, genauer hinzusehen.
Die Energiewende ist zu groß, zu teuer und zu folgenreich, um sie nur mit Wunschbildern zu begründen. Wer kritische Stimmen pauschal als rückwärtsgewandt abtut, macht es sich zu einfach. Umgekehrt reicht es nicht, drastische Szenarien zu verbreiten, ohne sie anhand belastbarer Daten zu prüfen. Nötig ist eine offene Debatte über Versorgungssicherheit, Kosten, Naturverträglichkeit und technische Grenzen.
Die eigentliche Lehre
Die wichtigste Frage, die Björn Peters aufwirft, ist keine parteipolitische Frage. Sie lautet: Wie vorsichtig muss ein Land sein, wenn es seine Energieversorgung umbaut?
Eine moderne Industriegesellschaft lebt von verlässlicher Energie. Krankenhäuser, Bahnverkehr, Wasserwerke, digitale Infrastruktur, Handwerk, Mittelstand und Industrie benötigen Strom nicht nur dann, wenn Wind und Sonne günstig stehen. Sie benötigen ihn immer. Genau deshalb ist Energiepolitik keine Spielwiese für Hoffnung, sondern eine Aufgabe der Vorsorge.
Vielleicht muss man Peters nicht in jeder Schlussfolgerung folgen. Seine Nähe zur Kernenergie, seine Zuspitzungen und seine politische Positionierung verdienen kritische Einordnung. Doch sein zentraler Einwand bleibt berechtigt: Ein neues Energiesystem muss seine Tragfähigkeit beweisen, bevor man die tragenden Säulen des alten Systems endgültig entfernt.
Diese Frage sollte im Mittelpunkt stehen – auch in der regionalen Debatte um neue Windkraft- und Solarflächen. Denn am Ende geht es nicht nur um Strommengen, Ausbauziele und Klimabilanzen. Es geht um die Stabilität eines Landes, die Zukunft seiner Arbeitsplätze und den Schutz seiner Landschaften.
Die Energiewende braucht deshalb weniger Beschwörung und mehr Prüfung. Weniger Zielrhetorik und mehr Systemverantwortung. Und vor allem braucht sie den Mut, eine einfache Frage nicht länger zu verdrängen:
Was trägt unser Energiesystem, wenn Wind, Sonne und Speicher nicht reichen?
Titelbild: ChatGPT.

