Windkraft: Ertragsgrenze erreicht?
Windkraftausbau an der Ertragsgrenze?
Warum mehr Leistung nicht automatisch mehr Strom bedeutet
In der energiepolitischen Debatte wird häufig mit installierter Leistung argumentiert. Mehr Windräder, mehr Gigawatt, mehr Flächen – daraus soll sich fast automatisch mehr Versorgungssicherheit ergeben. Doch genau diese Gleichung gerät zunehmend ins Wanken. Denn entscheidend ist nicht, wie viel Leistung theoretisch auf dem Papier steht, sondern wie viel Strom tatsächlich erzeugt, ins Netz eingespeist und im richtigen Moment genutzt werden kann.
Eine aktuelle Diskussion um die Entwicklung der Windstromerzeugung zeigt, wie groß die Lücke zwischen Ausbauzielen und realem Ertrag inzwischen geworden ist. Nach Angaben der Bundesnetzagentur speisten Windkraftanlagen an Land im Jahr 2025 rund 106,5 Terawattstunden Strom in das Netz der allgemeinen Versorgung ein. Das ist nur wenig mehr als im Jahr 2020. Gleichzeitig wurde die installierte Leistung der Windenergie an Land in diesem Zeitraum deutlich ausgebaut. Auf den ersten Blick wirkt das paradox: Es kommen immer neue Anlagen hinzu, doch die Strommenge wächst nicht im gleichen Maß.
Diese Beobachtung ist für sich genommen noch kein Beweis für ein Scheitern der Windenergie. Sie ist aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Energiewende an eine Grenze stößt, die in politischen Ausbauprogrammen häufig unterschätzt wird: Natur, Wetter, Standortqualität und Netzkapazität lassen sich nicht beliebig planen.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viel Leistung?
Sondern: Wie viel Ertrag?
Installierte Leistung beschreibt nur die technische Maximalleistung einer Anlage unter optimalen Bedingungen. Eine Windenergieanlage mit mehreren Megawatt Nennleistung erzeugt diese Leistung aber nur dann, wenn ausreichend Wind weht. Bei Flaute, schwachem Wind oder Abschaltungen wegen Netzengpässen sinkt der reale Ertrag deutlich.
Genau hier liegt das Problem vieler Ausbauzahlen. Sie klingen beeindruckend, sagen aber wenig darüber aus, wie zuverlässig der Strom im Jahresverlauf zur Verfügung steht. Ein zusätzlicher Gigawatt Windkraftleistung ist nur dann energiewirtschaftlich wertvoll, wenn daraus auch zusätzlicher nutzbarer Strom entsteht.
Das Jahr 2025 hat diese Schwäche sichtbar gemacht. Fraunhofer ISE verweist darauf, dass Windkraft zwar weiterhin eine der wichtigsten Stromquellen blieb, die Erzeugung aber durch schwächere Windverhältnisse gebremst wurde. Auch das Umweltbundesamt beschreibt das Jahr 2025 als witterungsbedingt schwierig: ein historisch windschwaches Frühjahr, Trockenheit und ungünstige Bedingungen für Wasser- und Windkraft. Photovoltaik konnte einen Teil dieser Lücke füllen, aber nicht das Grundproblem lösen.
Der Hinweis auf das Wetter ist wichtig. Er schützt vor einer vorschnellen Schlussfolgerung. Ein einzelnes windschwaches Jahr erklärt nicht die gesamte Entwicklung. Doch wenn trotz stetigem Ausbau die Erträge über mehrere Jahre nur unterproportional steigen, muss die Frage erlaubt sein, ob der Ausbau an Qualität verliert.
Wenn die guten Standorte vergeben sind
Ein weiterer Punkt betrifft die Standortwahl. Die ertragreichsten Windstandorte befinden sich dort, wo regelmäßig kräftiger Wind weht – vor allem in Küstennähe und in windreichen Offenlandschaften. Viele dieser guten Standorte sind längst erschlossen. Der weitere Ausbau verlagert sich daher zunehmend in Regionen, in denen die Windverhältnisse weniger günstig sind.
Die Fachagentur Wind und Solar weist darauf hin, dass in den südlichen Bundesländern ein erheblicher Anteil der neu bezuschlagten Anlagen auf sogenannten Schwachwindstandorten geplant wird. Für Bayern werden 76 Prozent genannt, für Baden-Württemberg 51 Prozent. Solche Anlagen können technisch durchaus Strom erzeugen. Doch der Ertrag pro Anlage fällt geringer aus, die Stromgestehungskosten steigen, und der Flächenbedarf pro erzeugter Kilowattstunde nimmt zu.
Damit verschiebt sich die Debatte. Es geht nicht mehr nur darum, ob Windenergie grundsätzlich funktioniert. Es geht darum, ob jeder neue Standort energiewirtschaftlich sinnvoll ist – besonders dann, wenn Landschaft, Natur, Artenschutz, Anwohner und regionale Entwicklung stark belastet werden.
Gerade im Binnenland und in Mittelgebirgsregionen ist diese Frage besonders wichtig. Wenn Windräder immer höher werden, um schwächere Standorte überhaupt nutzbar zu machen, steigen zugleich die Eingriffe in Landschaftsbild, Naturraum und Lebensumfeld. Der politische Flächendruck nimmt zu, der tatsächliche Stromertrag bleibt aber unsicher.
Solarstrom hilft – schafft aber neue Systemprobleme
Häufig wird darauf verwiesen, dass die Photovoltaik die Schwankungen der Windkraft ausgleichen könne. Teilweise stimmt das: In sonnigen, windschwächeren Zeiten kann Solarstrom die Stromerzeugung stützen. Doch mit dem starken Ausbau der Photovoltaik entstehen neue Probleme.
Solarstrom fällt besonders konzentriert in bestimmten Tages- und Jahreszeiten an. Mittags, an sonnigen Tagen im Frühjahr und Sommer, steigt die Einspeisung stark an. Wenn gleichzeitig die Nachfrage nicht entsprechend hoch ist oder Netze und Speicher fehlen, entstehen Überschüsse. Dann sinken Börsenstrompreise, es kommt häufiger zu negativen Preisen, und Anlagen müssen abgeregelt werden.
SMARD-Daten zeigen, dass die Abregelung von Photovoltaikanlagen 2025 deutlich gestiegen ist. Das ist ein wichtiges Signal: Nicht jede zusätzlich erzeugbare Kilowattstunde wird auch sinnvoll genutzt. Der Ausbau der erneuerbaren Energien erzeugt damit zunehmend Situationen, in denen sehr viel Strom gleichzeitig vorhanden ist – aber nicht dort, nicht dann oder nicht in der Form, wie er gebraucht wird.
In diesem Zusammenhang wird von „Kannibalisierung“ gesprochen. Gemeint ist, dass erneuerbare Energien sich gegenseitig wirtschaftlich und systemisch verdrängen können, wenn sie zur gleichen Zeit große Mengen Strom liefern. Solarstrom kann in bestimmten Stunden die Preise drücken und den Marktwert anderer Erzeuger senken. Windstrom kann bei starkem Wind ähnliche Effekte auslösen. Das Problem ist also nicht allein die Konkurrenz zwischen Sonne und Wind, sondern die fehlende Systemfähigkeit eines Ausbaus, der schneller wächst als Netze, Speicher, flexible Verbraucher und steuerbare Reservekapazitäten.
Mehr Erneuerbare bedeuten nicht automatisch mehr Versorgungssicherheit
Die zentrale Schwäche der aktuellen Energiewende-Politik liegt darin, dass sie Ausbauziele oft mit Versorgungssicherheit verwechselt. Eine hohe installierte Leistung sieht in Statistiken beeindruckend aus. Sie ersetzt aber kein gesichertes Kraftwerk, keine Speicherlösung und kein stabiles Netz.
Wind- und Solarstrom sind wetterabhängig. In guten Stunden liefern sie viel Strom, in schlechten Stunden wenig. Je größer ihr Anteil wird, desto wichtiger werden Ausgleichssysteme: Netzausbau, Speicher, flexible Nachfrage, Reservekraftwerke und ein Strommarktdesign, das nicht nur erzeugte Mengen, sondern Verfügbarkeit bewertet.
Wenn diese Bausteine fehlen oder zu langsam wachsen, entstehen volkswirtschaftliche Zusatzkosten. Redispatch, Abregelung, Netzeingriffe, Entschädigungen, negative Strompreise und Reservekapazitäten sind keine Randthemen mehr. Sie gehören zum Kern der Energiewende.
Deshalb reicht es nicht, immer neue Flächen auszuweisen und Genehmigungen zu beschleunigen. Die entscheidende Frage lautet: Welchen zusätzlichen Nutzen bringt eine weitere Anlage an einem konkreten Standort wirklich? Wie hoch ist der erwartbare Jahresertrag? Wie häufig muss abgeregelt werden? Welche Netzkapazitäten stehen zur Verfügung? Welche Auswirkungen entstehen für Natur, Landschaft und Menschen?
Auch für Schaumburg ist diese Debatte wichtig
Für Regionen wie Schaumburg hat diese Diskussion eine besondere Bedeutung. Der Landkreis liegt nicht an der Küste, sondern im Binnenland, mit wertvollen Landschaftsräumen, Höhenzügen, Waldgebieten, Offenlandbereichen und sensiblen Lebensräumen. Wenn Windenergie hier weiter ausgebaut werden soll, muss der tatsächliche Ertrag besonders genau betrachtet werden.
Ein pauschaler Hinweis auf Klimaschutz reicht nicht aus, um jeden Standort zu rechtfertigen. Gerade dort, wo Windverhältnisse schwächer, Eingriffe aber erheblich sind, braucht es eine ehrliche Abwägung. Die Frage ist nicht, ob erneuerbare Energien grundsätzlich zur Stromversorgung beitragen können. Die Frage ist, ob jeder weitere Windpark an jedem beliebigen Binnenlandstandort noch verhältnismäßig ist.
Wenn immer mehr Anlagen nötig werden, um vergleichsweise geringe zusätzliche Strommengen zu erzeugen, steigt der Druck auf Natur und Landschaft. Dann wird der Ausbau nicht automatisch effizienter, sondern möglicherweise flächenintensiver, konfliktreicher und teurer.
Eine ehrliche Energiewende braucht Ertragsklarheit
Die aktuelle Debatte über stagnierende Windstromerträge zeigt, dass die Energiewende ehrlicher bilanziert werden muss. Es reicht nicht, installierte Leistung zu feiern. Es muss gefragt werden, was diese Leistung tatsächlich bringt.
Mehr Windräder bedeuten nicht automatisch mehr nutzbaren Strom. Mehr Solarleistung bedeutet nicht automatisch weniger Netzprobleme. Und mehr erneuerbare Erzeugung bedeutet nicht automatisch mehr Versorgungssicherheit.
Eine verantwortungsvolle Energiepolitik muss deshalb nicht nur Ausbauziele formulieren, sondern Ertragsqualität, Standortgüte, Netzverträglichkeit, Speicherbedarf, Kosten und Naturverbrauch gemeinsam bewerten. Genau diese Debatte fehlt vielerorts.
Wer nur auf Gigawatt schaut, übersieht die eigentliche Frage: Wie viel verlässlicher Strom entsteht wirklich – und zu welchem Preis?
Die Energiewende steht damit nicht nur vor einem technischen Problem, sondern vor einem politischen Ehrlichkeitstest. Der Ausbau erneuerbarer Energien darf nicht länger an der installierten Leistung gemessen werden. Er muss sich am nutzbaren Ertrag, an der Systemstabilität und an der Verhältnismäßigkeit der Eingriffe messen lassen.
Quellen und weiterführende Hinweise
- Bundesnetzagentur: Strommarktdaten 2025, insbesondere Einspeisung aus Windenergie an Land, Photovoltaik und Entwicklung negativer Strompreise.
- Fraunhofer ISE: Öffentliche Nettostromerzeugung 2025 – Einordnung von Wind- und Solarstrom sowie Hinweise auf wetterbedingte Erzeugungsschwankungen.
- Umweltbundesamt / AGEE-Stat: Entwicklung der erneuerbaren Energien 2025, mit Hinweis auf das historisch windschwache Frühjahr und witterungsbedingte Einflüsse.
- SMARD: Redispatch- und Abregelungsdaten 2025, insbesondere Entwicklung der Abregelung von Photovoltaik- und Windenergieanlagen.
- Fachagentur Wind und Solar: Analyse zu Gütefaktoren und Schwachwindstandorten bei Windenergieanlagen, unter anderem mit Angaben zu Bayern und Baden-Württemberg.
- Welt am Sonntag / Welt: Beitrag zur stagnierenden Windstromerzeugung und zur These sinkender Ertragswirkung beim Ausbau erneuerbarer Energien.
Keine kritischen Fragen – nur Befürworter der Energiewende kommen zu Wort
NDR-Bericht zum Netzpaket 2026 im Faktencheck: Warum fehlen Stimmen zu Netzengpässen, Milliardenkosten und Systemgrenzen der Energiewende?
Titelbild: © magnific.com – symbolisch für Energieerzeugung im ländlichen Raum in Deutschland.

