Strom: Export und Import
Stromexport ist kein Gewinn
Zum Artikel „Export von Strom übersteigt den Import“ – Schaumburger Nachrichten vom 10. Juni 2026.
Der Bericht über Deutschlands Stromexporte liest sich zunächst wie eine Erfolgsmeldung. Mehr Strom exportiert als importiert – das klingt nach Stärke. Doch bei Strom reicht der Blick auf Kilowattstunden nicht aus. Entscheidend ist die Frage: Zu welchem Preis wurde exportiert und zu welchem Preis musste importiert werden?
Genau diese Information fehlt. Das Statistische Bundesamt weist selbst darauf hin, dass seine Statistik zu Stromimporten und -exporten keine Preise erfasst. Genannt werden also Mengen, nicht wirtschaftliche Ergebnisse. Ob ein Exportüberschuss für Verbraucher, Wirtschaft oder Steuerzahler vorteilhaft ist, lässt sich daraus nicht ableiten.
Die Bundesnetzagentur zeigt auf SMARD ein differenzierteres Bild. Im ersten Quartal 2026 war Deutschland im kommerziellen Außenhandel zwar Nettoexporteur. Zugleich lag der durchschnittliche Großhandelspreis bei 102,17 Euro je Megawattstunde, und es gab 172 Viertelstunden mit negativen Preisen. Negative Preise bedeuten: Strom ist in bestimmten Stunden nicht knapp, sondern im Überangebot. Dann wird Export nicht zum Zeichen besonderer Stärke, sondern zum Ventil eines Systems, das Erzeugung, Verbrauch, Netze und Speicher nicht ausreichend in Einklang bringt.
Auch der Blick in die Vorjahre mahnt zur Vorsicht. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages dokumentierten für 2023 Importkosten von 6,46 Milliarden Euro, Exporterlöse von 4,95 Milliarden Euro und damit einen negativen Saldo von 1,51 Milliarden Euro. Für 2024 nennt der Monitoringbericht von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt sogar Importkosten von 6,167 Milliarden Euro bei Exporterlösen von nur 2,118 Milliarden Euro.
Darum sollte man Stromexporte nicht feiern, bevor die wirtschaftliche Bilanz offengelegt ist. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viele Kilowattstunden gingen über die Grenze? Sondern: Wurde zu guten Preisen verkauft – oder musste überschüssiger Strom billig oder zeitweise sogar zu negativen Preisen abgegeben werden?
Manfred Bartsch
Lauenau

